Milliarden für Pflege – und niemand fragt, wie viele Pflegefälle vermeidbar wären
Deutschland diskutiert über steigende Beiträge, Leistungskürzungen und Milliardenlöcher in der Pflegeversicherung. Gleichzeitig entstehen durch vermeidbare Fehler im Gesundheitswesen jedes Jahr Hunderttausende Schäden. Manche Menschen werden dadurch dauerhaft pflegebedürftig. Was das die Pflegeversicherung kostet? Wir wissen es nicht einmal.

Die neue Behandlungsfehlerstatistik 2025 des Medizinischen Dienstes ist deutlich: Von 11.735 untersuchten Verdachtsfällen wurden 3.503 Behandlungsfehler bestätigt. In 2.700 Fällen war der Fehler nachweislich Ursache eines Gesundheitsschadens. 881 Menschen erlitten einen Dauerschaden, darunter 186 einen schweren.
Dabei erfasst diese Statistik nur einen kleinen Ausschnitt. Der Medizinische Dienst warnt selbst davor, seine Zahlen mit dem tatsächlichen Fehlergeschehen gleichzusetzen. Das Dunkelfeld ist groß. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen laut Medizinischem Dienst davon aus, dass es bei 2 bis 4 Prozent der stationären Behandlungen zu vermeidbaren Schadensereignissen kommt.
Auf Deutschland übertragen wären das 350.000 bis 700.000 vermeidbare Schäden – jedes Jahr.
16,7 Milliarden Euro – und das ist noch nicht die ganze Rechnung
Der Medizinische Dienst verweist auf internationale Untersuchungen zu den enormen wirtschaftlichen Folgen mangelnder Patientensicherheit. Auf die Krankenhausausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung übertragen nennt er für Deutschland eine Größenordnung von 16,7 Milliarden Euro.
Dazu gehören zusätzliche Behandlungen, verlängerte Krankenhausaufenthalte und Folgeschäden.
Aber ein Krankenhausaufenthalt endet irgendwann.
Pflegebedürftigkeit möglicherweise nicht.
Und genau hier hat unser Gesundheitssystem einen erstaunlichen blinden Fleck.
Es wird nicht systematisch erfasst, wie viele Menschen infolge eines vermeidbaren Behandlungsfehlers erstmals pflegebedürftig werden oder anschließend mehr Pflege benötigen.
Dabei zeigt der MD-Bericht, dass solche Folgen keineswegs theoretisch sind. Allein unter den 2025 begutachteten kausalen Behandlungsfehlern gab es 881 Dauerschäden.
Einen „schweren Dauerschaden“ definiert der Medizinische Dienst ausdrücklich als eine Situation, in der ein Mensch wesentlich in seiner normalen Lebensführung beeinträchtigt ist und/oder täglich die Hilfe anderer Personen benötigt.
Und plötzlich wird das Defizit der Pflegeversicherung interessant
Wie teuer diese fehlerbedingte Pflegebedürftigkeit tatsächlich ist, wissen wir nicht.
Aber wir können zeigen, welche Größenordnung hinter dieser Wissenslücke stecken könnte.
Von den 2.700 nachweislich fehlerbedingten Schäden in der MD-Statistik waren 186 schwere Dauerschäden – rund 6,9 Prozent. Da die MD-Fälle nicht repräsentativ sind, darf diese Quote nicht als bundesweite Fehlerquote hochgerechnet werden.
Als Modellrechnung ist sie dennoch aufschlussreich.
Überträgt man sie lediglich als Szenario auf die geschätzten 350.000 bis 700.000 vermeidbaren Schadensereignisse, ergäben sich rund 24.000 bis 48.000 schwere Dauerschäden jährlich.
Nehmen wir nun vorsichtig an, dass nur die Hälfte dieser Menschen dadurch tatsächlich neu oder zusätzlich pflegebedürftig würde:
12.000 bis 24.000 zusätzliche Pflegefälle pro Jahr.
Die soziale Pflegeversicherung gab 2025 rund 70,4 Milliarden Euro für Leistungen an etwa 6,01 Millionen Menschen aus. Durchschnittlich sind das rund 11.700 Euro pro Leistungsbeziehendem und Jahr.
Damit würden allein diese 12.000 bis 24.000 zusätzlichen Pflegefälle überschlägig etwa
140 bis 280 Millionen Euro pro Jahr kosten.
Und zwar für einen einzigen neuen Jahrgang.
Die gesamte soziale Pflegeversicherung schloss 2025 mit einem Defizit von rund
490 Millionen Euro
ab.
Mit anderen Worten:
Schon zwei Jahrgänge vermeidbar verursachter zusätzlicher Pflegebedürftigkeit könnten in unserer Modellrechnung rechnerisch ausreichen, um eine Größenordnung zu erreichen, die dem gesamten Jahresdefizit der Pflegeversicherung entspricht.
Und Pflegebedürftigkeit endet nicht am 31. Dezember.
Wenn jedes Jahr weitere Betroffene hinzukommen und die Pflegebedürftigkeit fortbesteht, addieren sich die Kosten. Nach fünf Jahren läge unser Szenario rechnerisch bereits bei 700 Millionen bis 1,4 Milliarden Euro laufenden Pflegeleistungen pro Jahr.
Nach zehn Jahren wären es 1,4 bis 2,8 Milliarden Euro jährlich.
Noch einmal: Das sind keine amtlich festgestellten Kosten. Es ist eine Modellrechnung. Wir wissen nicht, ob 12.000, 5.000 oder 30.000 Menschen jährlich aufgrund vermeidbarer Schäden zusätzlich pflegebedürftig werden.

Und genau das ist der Punkt:
Wir wissen es nicht.
Milliardenproblem gesucht – Ursache nicht erfasst
Deutschland weiß auf Millionen Euro genau, wie groß das Defizit der Pflegeversicherung ist.
Wir wissen, was Pflegegeld kostet.
Wir wissen, was Pflegesachleistungen kosten.
Und wir diskutieren darüber, wo Leistungen begrenzt, Beiträge erhöht oder Angehörige stärker in die Verantwortung genommen werden können.
Aber eine andere Zahl wird nicht systematisch erhoben:
Wie viele Menschen werden jedes Jahr durch vermeidbare Fehler überhaupt erst zu Pflegefällen – und was kostet uns das?
Dabei funktioniert dieser kostspielige Kreislauf sogar in beide Richtungen.
2025 wurden beim Medizinischen Dienst 776 Vorwürfe im Fachgebiet Pflege begutachtet. 481 Pflegefehler wurden bestätigt – 62 Prozent. Bei 299 Fällen im Zusammenhang mit Dekubitus wurden 160 Fehler festgestellt. Auch hier betont der MD, dass daraus keine allgemeine Fehlerquote der Pflege abgeleitet werden darf.
Die OECD kommt gleichzeitig zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der unerwünschten Ereignisse in der Langzeitpflege vermeidbar ist und mehr als 40 Prozent der Krankenhauseinweisungen aus Langzeitpflegeeinrichtungen als vermeidbar gelten.
Damit zahlen am Ende beide Systeme:
Wir sparen an der falschen Stelle!
Der Medizinische Dienst formuliert es selbst bemerkenswert deutlich:
„Wir diskutieren intensiv über steigende Beitragssätze, Finanzierungslücken und Einsparpotenziale. Dann müssen wir auch darüber sprechen, wie viele Ressourcen durch vermeidbare Schäden in Medizin und Pflege gebunden werden.“
Genau darüber sollten wir reden.
Denn bevor Politik darüber diskutiert, was Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen noch zugemutet oder genommen werden kann, sollte sie vielleicht eine wesentlich naheliegendere Frage beantworten:
Was kostet uns vermeidbare Pflegebedürftigkeit?
Warum sparen wir nicht zuerst dort, wo gleichzeitig Milliarden Euro und menschliches Leid vermieden werden könnten?
Quellen und Einordnung
Medizinischer Dienst Bund: Behandlungsfehler-Begutachtung der Gemeinschaft der Medizinischen Dienste – Jahresstatistik 2025, August 2026. Die Statistik weist ausdrücklich darauf hin, dass die begutachteten Fälle nicht repräsentativ für das gesamte Fehlergeschehen sind.
Medizinischer Dienst Bund, 20.08.2026: Vermeidbare Gesundheitsschäden verursachen Milliardenkosten – Einsparpotenziale durch mehr Patientensicherheit nutzen. Genannt werden 350.000 bis 700.000 vermeidbare Schadensereignisse bei stationären Behandlungen und eine Kostengrößenordnung von 16,7 Milliarden Euro.
Quelle: Medizinischer Dienst Bund
Bundesministerium für Gesundheit: Pflegeversicherung – Zahlen und Fakten. Grundlage für die verwendeten Angaben zu Leistungsbeziehenden, Leistungsausgaben sowie Einnahmen und Ausgaben der sozialen Pflegeversicherung.
Quelle: Bundesministerium für Gesundheit
OECD: Ökonomie der Patientensicherheit, Teil III: Langzeitpflege – Der Wert der Sicherheit auf lange Sicht.
